London. Kein Sightseeingblog.

Welche drei Sehenswürdigkeiten fallen euch sofort und spontan zu London ein?

  • Tower und Tower Bridge
  • Buckingham Palace
  • London Eye

Okay. Und genau um diese und ähnliche Hotspots soll es in diesem Blog nicht gehen.
Reiseblogs mit Erklärungen zur Geschichte der Stadt und zu den Hauptsehenswürdigkeiten gibt es einige. Auch so genannte Insider-Tipps gibt es viele. Meist sind auch an diesen Orten Touristenmassen.
Ich mag Touristenmassen nicht.

Keine Touristenmassen sind selbst samstags nachmittags im Russel Square Park. Hier herrscht eine entspannte und fröhliche Stimmung.
Oder im Holland Park mit seinen waldähnlichen Spazierwegen und Dahliengarten.
Solche kleineren Parks gibt es überall in der Innenstadt. Sie wollen alle besucht und genossen werden.

 

Keine Touristenmassen sind selbst sonntags bei freiem Eintritt in einem der großartigsten Museen für moderne und Gegenwartskunst, dem New Tate Modern.
Das New Tate Modern liegt direkt an der Themse in einem auch architektonisch interessanten Gebäude. Man könnte bestimmt locker drei ganze Tage dort verbringen, ohne dass einem langweilig wird. Man kann sich aber auch für’s Erste ein Stockwerk vornehmen und das angucken, was einen anspricht und fasziniert. So habe ich es gemacht. Und fand es wunderbar.

 

 

Wirklich gelungen ist auch die Verbindung mit Live Acts von Musik und Tanz.

IMG_5627

 

Keine Touristenmassen sind auch in den Straßen der Staddteile Bayswater, Holland Park und Nottting Hill.
Man kann einfach herumschlendern und die Architektur sowie die Atmosphäre auf sich wirken lassen.

IMG_5656
Straße in Bayswater
IMG_5659
Straße in Notting Hill
IMG_5673
noch mehr Notting Hill
IMG_5671
Dieses Haus in der Holland Park Road 12, das Leighton House, kann man besichtigen. Es lohnt sich wirklich. Es ist innen gediegen viktorianisch mit einer arabisch gestalteten Eingangshalle, was etwas skurril anmutet. Auch hier keine Touristenmassen.

 

Auf der Millenium Bridge gibt es zwar Touristenmassen, aber es gab heute auch einen Street Art Künstler, der auf die Brücke gespuckte Kaugummis zu kleinen Street Art Kunstwerken macht. Er malt sie phantasievoll an.

Nun sind es lauter bunte Flecken mit Figuren auf der Metallbrücke.
Aus ekelhaft mach‘ witzig!

Oxford. Colleges, Cricket and Canals.

Apropos Colleges.

In Oxford atmet man eine geballte Ladung Bildung.

Christ Church College, Oriel College, Brasenose College, Balliol Colloge, Magdalen College, Merton College. Diese Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, denn sie ist bestimmt nicht vollständig.
Die Colleges sind alle altehrwürdig, gegründet meist im 14. bis 16. Jahrhundert. In diesen alten Gebäuden ist über die Jahrhunderte viel gelernt, gelebt und gebetet, gemeinsam gegessen und gelacht worden. Und so machen es die Oxford University Studenten auch heute noch.

IMG_5465
Innnenhof von Christ Church College
IMG_5468
Im Christ Church College

 

IMG_5595
The Hall (der Essensraum) von Oriel College

 

 

IMG_5576
Blick vom Botanical Garden auf Magdalen College

Viele der Colleges darf man besichtigen. Und dann steht man dort im Innenhof, sls würde man gerade mit Büchern unterm Arm zur Bibliothek spazieren. Oder man sitzt in der Hall an einem Tisch aus dunkler Eiche und riecht schon das Mittagessen. Irgendwie ist es fast so, als würde man selbst auch zur Studentengemeinschaft gehören, in einem der Clubs mitmachen, mit rudern, mit debattieren oder mit Cricket spielen.

Apropos Cricket.
Cricket habe ich bisher nie verstanden.
Nun doch.
Wichtig schon mal zu wissen: Alle Spieler sind in einem eleganten off-white gekleidet.
Wenn man es -zumindest grundsätzlich- versteht, Wikipedia, meiner Tochter und vielen Minuten Zuschauen sei Dank, macht das Zugucken richtig Spaß.

IMG_5569
Cricket in den University Parks

Mein Eindruck ist, dass eigentlich nur vier Spieler auf dem Feld richtig was tun, die beiden Bowler und die beiden Batsman. Alle anderen bewegen sich nur zeitweise mal, wenn der Ball zu ihnen kommt. Nun gut, ich will niemanden mit Cricket Regeln langweilen. Unbestritten ist es hier in Oxford ein beliebter Volkssport.
Genau wie Rudern. Rudern auf den Canals.

Apropos Canals.
Ruderer im Einer, Zweier, Vierer, Achter sieht man überall auf den Kanaälen und auf der Themse. Die Coaches fahren derweil mit dem Fahrrad am Ufer entlang und geben lautstark Kommandos an Ruderer im Boot.
Oxford ist durchzogen von Kanälen.

IMG_5541
Es erinnert nicht an Venedig, denn die Kanäle sind nicht von Palästen gesäumt, sondern von grünen Bäumen, Wiesen und Uferpflanzen. Und teilweise von schönen Spazierwegen.
Es erinnert an einigen Stellen an Amsterdam. Das kommt wahrscheinlich von den Hausbooten. Hausboote haben ja was. Was von Freiheit, was von Erlebnis, was von Individualität und auch von Naturleben.
Vielleicht sollte ich nächstes Mal ein Hausboot mieten?
Brauche ich dafür einen Motorbootführerschein?
Könnte das das Wohnen ein einem kleinen, leicht verbauten Reihenhaus aus viktorianischer Zeit noch toppen?
Wir haben sehr authentisch dort in einem netten und ruhigen Wohnviertel gewohnt, sehr persönlich im Zuhause einer Familie. In persönlichen Sachen und mit ganz eigener gemütlicher Atmosphäre. Über AirBnB war das möglich. Danke an Illan und seine Familie.

IMG_5540
Hausboote auf dem Canal, Spazierwege am Ufer. Ruhe, Grün, Vögel, leichtes Wasserplätschern.

 

IMG_5506
Unser Zuhause für fünf Tage

 

Ich habe noch ein viertes C.
Nach College, Cricket und Canals.
Culture.
Mein persönliches Highlight in Oxford war eine Theateraufführung auf einer kleinen Bühne in der Old Fire Station. Shakespears Komödie „Much ado about nothing“ war witzig, hintersinnig und wortgewandt. Die wandernde Schauspielertruppe hatte selber auch eine Menge Spaß. Und das kam rüber.
Das Stück von 1599 (!) über Liebe, Intrigen, falsches Spiel und Happy End ist ein schönes Happy End für diesen Oxford Blogbeitrag, finde ich. Und damit Schluss.

IMG_5542
Kleine Bühne in der Old Fire Station. Sehr nah dran, Blickkontakt zu den Schauspielern absolut erwünscht.

 

The Lake District. Das Beste kommt zum Schluss.

Die definitiv beste Wanderung bei bestem Wetter und mit besten Ausblicken haben wir an unserem besten und letzten Tag im Lake District gemacht. Also: Das Beste kommt zum Schluss.

IMG_5437

Start und Ende der ungefähr drei Stunden langen Wanderung ist der kleine und sehr ursprüngliche Ort Pooley Bridge. Er liegt am Ullswater. Ullswater ist der zweitgrößte See im Lake District nach dem Lake Windermere. Er ist sehr langgestreckt und eingebettet in grüne Hügel und felsige Berge. Der Ullswater Walk ist sehr gut ausgeschildert. Er hat uns so gut gefallen, weil er sehr vielfältig ist.
Man wandert ein Stück am Seeufer, man wandert durch feuchte Wiesen, man wandert auf trockenen Wiesen, man wandert quasi waagerecht auf einem schmalen und steinigen Pfad mit herrlichen Aussichten auf den See. Man wandert an einem kleinen Steinkreis, genannt Cockpit, vorbei.  Man trifft nette andere Wanderer, gern auch mit Hunden. Uns fällt in England auf, wie genau es die Engländer beachten, wenn Hunde an der Leine geführt werden sollen (z.B. wegen der Schafe).
Man trifft auch Trail Runner. Unglaublich, wie sie im Gelände laufen, wo man selber froh ist, einen Wanderschuh sicher vor den anderen zu setzen. Mountainbiker und Reiter haben wir ebenfalls getroffen und viele Segler auf dem See beobachtet, die offenbar eine Regatta gesegelt sind.
Und das alles bei aufgelockertem und sogar blauem Himmel. Selbst das runde, gelbe Ding, genannt Sonne, ließ sich am Himmel blicken.

 

IMG_5424

 

IMG_5439

 

IMG_5438

 

IMG_5444

 

Und weil das Beste ja bekanntlich zum Schluss kommt, kam an diesem Tag das Beste auch beim Essen zum Schluss in Form eines himmlischen Desserts:

Dark chocolate fudge brownie with death of chocolate ice-cream:
IMG_5446

 

The Lake District. Grün und grau.

IMG_5355
Crummock Water bei Buttermere

 

„You’ll get a bit of everything, I suppose“, sagte die Vermieterin unseres Cottages in Applethwaite bei Keswick bei unserer Anreise vor 6 Tagen in bezug auf das Wetter.

Wie wahr: A bit of rain, a bit of heavy showers, a bit of drizzle, a little bit of sun, a bit of blustery rain, a bit of „it’s chucking it down“, a bit of grey clouds, a bit of wind,  a bit of 11 degrees, a bit of 12 degrees, a bit of 13 degrees Celsius and again a bit of scattered showers…
Das englische Wetter könnte einen ganzen Blogbeitrag alleine füllen. Soll es aber nicht.

Denn da ist ja auch noch die liebliche, bezaubernde, grüne Landschaft. Da sind die geschwungenen Hügel, die Steinmauern zwischen den Feldern, die gechillten Schafe, die überall grasen, die rauschenden Wasserfälle. Und da sind die atemberaubenden Ausblicke, die kleinen Wanderwege, da ist die Ruhe und  der würzige Geruch. Da sind die kleinen pittoresken Orte mit ihren Häusern aus Schiefer oder auch mit viktorianischen Häusern. Da sind die imposanten Landhäuser, die netten Menschen und die freundlichen anderen Wanderer, die man trifft und grüßt.
Diese Mischung macht es hier so reizvoll.

IMG_5344
Wiesen und Berge am Crummock Water

 

IMG_5329
Moss Force Waterfall

IMG_5316

IMG_5400
Ambleside am Lake Windermere

 

Und was macht man so im Lake District?

Wandern:

IMG_5376

Schwimmen (nur die Harten kommen in’n Garten…) :

IMG_5384

Bootfahren:

IMG_5401
In Ambleside am Lake Windermere

 

Schaukeln:

IMG_5366
Baumschaukel beim Lingholm House nahe Keswick

 

Bummeln:

IMG_5303
Hier in der Fußgängerzone von Keswick

 

Ins Theater gehen (ich mag englische Theateraufführungen):

IMG_5372

Essen:

IMG_5391
Fish and Chips, was sonst?

Brexit. Ganz persönlich.

 

IMG_2487

Huthwaite bei Mansfield,  25. Juni 2016, 11 Uhr:

Ein kleines grau verputztes Doppelhaus mit den typischen englischen Schiebefenstern mit Einfachverglasung. Ein kleiner Garten, eine Glashaustür, keine Klingel, kein Namensschild an der Tür, wir klopfen. Drinnen bellen mehrere Hunde durcheinander. Sie haben das Klopfen auf jeden Fall gehört. Die Haustür geht auf. Und in der Tür steht unsere sechzehnjährige Tochter. Umarmungen, strahlende Gesichter, Wiedersehen nach einem knappen Jahr.

Mein ganz persönlicher Brexit: Ich bin mit  meinem Mann zusammen nach England gekommen, um unsere Tochter nach ihrem Auslandsschuljahr auf einer öffentlichen Schule und in einer Gastfamilie abzuholen.
Tausche Sabbatical, tausche Freiheit gegen Tochter. Ja!

Soweit zu unserem Familien-Brexit.
Es gibt aber dieser Tage auch noch den politischen Brexit.
Und der ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen…
Er spaltet die Menschen hier.

Mansfield, 25. Juni 2015, 14 Uhr:

Frankie’s and Benny’s, ein Restaurant in Mansfield.

Apropos Mansfield? Wo ist das denn eigentlich?
Mansfield ist eine Kleinstadt in Mittelengland. Es ist eine „socially deprived area“ (so genannt in den Geography Lessons meiner Tochter an der Brunts Academy, Mansfield) oder ein „shithole“ (so genannt von englischen Freundinnen meiner Tochter).

Eine etwa 30jährige Frau, die mit Mann und zwei kleinen Kindern am Nebentisch des Restaurants sitzt, beugt sich irgendwann rüber und sagt: „Are you German?“ „Yes“, antworten wir und denken, jetzt kommen die üblichen Fragen nach der Stadt, wo wir herkommen, dem Grund des Besuchs und vielleicht Tipps für Unternehmungen.
Aber nein, über uns ergießt sich ein Wortschwall zum Thema Brexit. Einen Tag zuvor hatten die Briten mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt.
„I am over the moon about it“, sagt sie. Und „Britain first“ und „This is democracy. We get back our sovereignity“ und vieles in der Art mehr. Sie gestikuliert wild mit ihren Händen in der Luft, sie reißt die Augen auf, sie unterstreicht ihre Worte nachdrücklich im Tonfall. Unsere Gegenargumente benutzt sie sofort für eine weitere Argumentation für den Austritt. Jeder britische Student muss 9000 Pfund für die Uni zahlen und sie will keine ausländischen Erasmus-Studenten mehr sehen, die angeblich umsonst studieren können (Können sie nicht, da die EU ja für Erasmus zahlt…). Am Ende sagt sie, all das sei nicht gegen uns persönlich gerichtet.

Nottingham, 26. Juni 2016:

Meine Tochter bekommt folgende Whatsapp-Nachricht von einer ihrer englischen Schulfreundinnen: “ By the way, I feel I should apologize in behalf of England because we’re all twats after Brexit.“

Ein Museumsführer im Castle of Nottingham fragt, ob wir aus Deutschland kommen und sagt dann mit leiser Stimme „Did you hear about the Leave Vote? I am ashamed. I am absolutely ashamed.“

Diese Entscheidung lässt die Menschen nicht kalt. Jeder hat eine ganz persönliche Meinung, für die er steht und die er auch mitteilen möchte, haben wir den Eindruck.

Keswick, Lake District, 27. Juni 2016:

Die Vermieterin unseres Cottages hier im Lake District händigt uns bei Anreise den Schlüssel aus, erklärt uns die Heizung und die Waschmaschine, die Mülltrennung (!) und zeigt uns das Haus. Dann sagt sie unvermittelt: “ I am devastated about the vote“ und „this is a decision of the old generation“.

In den englischen Fernsehnachrichten wird deutlich, welch Chaos, nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch im Land zwischen den Parteien und innerhalb der Parteien entstanden ist. Genauso wie zwischen den Menschen.

Es bleibt spannend, wie es weitergehen wird.
Und bei uns im Kleinen bleibt es auch spannend. Wie werden wir uns verstehen nach einem Jahr getrennten Lebens, nach neuen Erfahrungen, nach einer persönlichen Weiterentwicklung durch Auslandsschuljahr bzw. Sabbatical? Gibt es den von einigen prognostizierten „reverse culture shock“?

IMG_5287
Old Market Square, Nottingham

 

IMG_5317
Mirehouse, bei Keswick, Lake District

 

IMG_5306
Die Liebe in England, zu England und überhaupt geht durch den Magen – Scones mit Clotted Cream und Strawberry Jam