Ludwigslust. Entschleunigung pur.

Manchmal liegen die schönen Dinge mitten auf dem Weg.
Man muss sie nur aufsammeln.

Auf etwa halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin liegt der kleine Ort Ludwigslust.
Von Ludwigslust kannte ich bisher nur das Autokennzeichen: LWL.
Aber nun habe ich es ja, bildlich gesprochen, aufgesammelt, als ich von Hamburg nach Berlin mit dem Auto gefahren bin.  Und das hat sich gelohnt.

20170628_124247

Im historischen, von Backsteinhäusern geprägten, Kern von Ludwigslust gibt es Kopfsteinpflaster, was schon mal zur Entschleunigung beiträgt. Und es ist an einem Wochentag mittags so ruhig und so beschaulich, als sei die Zeit irgendwie stehengeblieben. Weitere Entschleunigung.
Mein Espresso wurde in Echt Weimaraner Kobalt blau Tässchen serviert. Schmeckt dann irgendwie auch nach Entschleunigung. Wegen des Goldrandes darf es bestimmt nicht in die Spülmaschine. Vielleicht hatte das Restaurant ja auch gar keine Spülmaschine? Ich sag ja, irgendwie ist die Zeit in Ludwigslust stehengeblieben.
20170628_194156

Und dann hat Ludwigslust noch ein barockes Schloss.
Von außen ist es sehr gediegen und vornehm. Von innen weiß ich es nicht, weil das Wetter zu schön für innen war.
Das Barockschloss wurde erbaut ab 1730 für den Prinzen Christian Ludwig als Jagdschloss.

20170628_194643
Das Schloss hat einen Schlossgarten, wie es sich für ein richtiges Schloss gehört. Und der Garten ist für jeden ohne Eintritt zugänglich. In England hätte ein solch schöner Garten mindestens 10 Pfund Eintritt gekostet. Und es wäre auch dreimal so voll gewesen. Ist etwa nichts wert, was nichts kostet?

Nicht weitersagen, damit es nicht dreimal so voll wird, aber der großzügige Landschaftsgarten mit Grotte, Teepavillion, Schweizer Haus, großen Sichtachsen und künstlichen Kanälen, mit Wasserspielen, Wald und Rosengarten ist wundervoll, erholsam, grün und abwechslungsreich.

20170628_194255

20170628_143218

Im Halbschatten der hohen Bäume ist eine angenehme Spaziergehtemperatur, der Wind rauscht in den hohen Bäumen, zuweilen knarren die Äste, die Spiegelung auf dem Wasser lässt die Umgebung quasi doppelt wirken, das Wasser rauscht und plätschert leise. Da- ein leichtes Rascheln –  und ich sehe eine kleine braun-graue Maus durch die trockenen Blätter huschen:

20170628_144359

Zum Thema „Die Zeit ist stehengeblieben“ fällt mir noch ein: An einer Stelle roch es würzig und leicht süßlich, nach Waldmeister!
Waldmeister, da muss ich sofort an meine Kindheit in den 60igern und 70igern denken. Waldmeister-Eis!
Gibt es das eigentlich noch? Heute gibt es Tiramisu-Vanille-Himbeer oder Schokolade-Chili oder Kirsch-Mascarpone, aber das grüne Waldmeister, das ist so ziemlich verschwunden.

Weitläufige Wiesen locken rund um den Louisenteich mit Wiesenblumen, Schmetterlingen, Libellen, Grillen – und leider auch Mücken und Bremsen. Ich bin bedauerlicherweise darauf nicht eingestellt und kassiere Minimum sechs Stiche.

20170628_152555

Nach zweieinhalb Stunden Entschleunigung pur fallen die zwei noch vor mir liegenden zwei Stunden Autofahrt nach Berlin kaum ins Gewicht. Und das soll bei mir Nicht-gern-Langstrecken-Autofahrer schon was heißen…

 

Hamburg. Wasserkunst Kaltehofe

Wasserkunst Kaltehofe

Es gibt ja so Orte, da war man noch nie.
Obwohl sie mitten in der eigenen Stadt liegen, in der eigenen Heimatstadt, um genau zu sein.

Solch ein Ort war bei mir Kaltehofe, bis gestern.
Kaltehofe ist eine Insel in der Elbe, sie gehört zu dem innenstadtnahen Stadtteil Rothenburgsort und zum Bezirk Mitte.
Auf dieser Elbinsel wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine Elbwasserfilteranlage errichtet.
Heute machen wir den Wasserhahn auf und es kommt sauberes, klares, trinkbares, neutral schmeckendes Trinkwasser heraus.
Noch vor 150 Jahren wurde das Trinkwasser aus dem gleichen Gewässer entnommen wie Abwasser eingeleitet wurde, beides ungefiltert. Cholera- und Typhusinfektionen wundern einen da gar nicht mehr, fast wundert es einen stärker, dass nicht noch viel mehr Menschen daran erkrankten und starben, dass überhaupt jemand überlblieb, sozusagen.

Schieberhäuschen Kaltehofe

In 22 Filterbecken wurde mittels Sandfiltration Elbwasser gereinigt. Erst 1990, also wirklich fast vorgestern, wurde die Anlage stillgelegt. Heute sorgen dezentrale Wasserwerke für die Wasserversorgung Hamburgs aus gereinigtem Grundwasser.

Die aus rotem Backstein gebauten Schieberhäuschen, in denen der Wasserstand der Becken geregelt wurde, sind teils noch gut erhalten, teils verfallen sie. Der Verfall ist kalkuliert, denn die Natur erobert sich mit vielfältiger Flora und Fauna das Areal zurück.

Schieberhäuschen in Kaltehofe

Und was hat das nun alles mit Kunst zu tun?

Wasserkunst nannte man tatsächlich schon im Mittelalter Anlagen zur Wasserversorgung von Burgen.
Aha. Wieder was gelernt.
Und heute mutet das gesamte Areal mit den kleinen backsteinernen Schieberhäuschen und der historischen Villa wie Kunst im öffentlichen Raum an.
So im Kleinen beeindruckt hat mich auch Wasserkunst, die jeder Besucher für sich selber erleben kann, indem er mit Klopfen auf eine wassergefüllte Klangschale seine eigenen Resonanzen auf dem Wasser erzeugt.

Resonanz Klangschale Wasserkunst Kaltehofe

Ich sage, es ist Kunst.
„Alles Physik“, sagt mein Mann.

Künstlerisch gestaltet ist der moderne, quasi aus dem Wasser auftauchende Kubus neben der historischen Villa. Schöner Kontrast schon mal.
Im Inneren haben Heller Architects and Designers eine fiktive Bildhauerwerkstatt geschaffen. Wenn man sich drauf einlässt, betritt man ein Künstlerrefugium, in dem gerade an Brunnen und Wasserspielen für die Stadt Hamburg gearbeitet wird. Klanginstallationen sind zu hören.
Skulpturen in Arbeit sind zu sehen.
Der Künstler scheint vielleicht nur gerade mal Pause zu machen.
Wasserkunst.

Künstlerwerkstatt Cubus Kaltehofe

Hygieia-Brunnen

Die stolze Dame ist die Göttin Hygieia, die den Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses krönt.

Da könnte man eigentlich auch mal wieder hingehen.
Das ist zwar ein Ort, an dem ich schon mal war. Aber es ist lange her…

 

Kleine Freuden…

Was ist zart, rosa und weiß und löst sofort ein irgendwie geartetes Glücksgefühl aus?

Apfelblüten.

20170507_125303_001

Gesehen  und bewundert gestern im Alten Land.

Das Alte Land liegt direkt vor den Toren Hamburgs an der Niederelbe und ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Norddeutschlands.

IMG-20170507-WA0002

So nah man an Hamburg auch dran ist, man ist doch ganz weit weg.

20170507_124825_001

In einer anderen Welt…

20170507_165457

Kleine Flucht aus dem Alltag…kleine große Freude.

Berlin/Potsdam: Ein kunstvolles Wochenende

 

„Fünftausend würde ich geben, aber nicht fünfunddreißigtausend!“, rief ein Mann, als ich eine Galerie in der Fasanenstraße in Berlin Charlottenburg betrat.

Gallery Weekend in Berlin vom 28.-30. April 2017.

Wie schön, wenn man Nützliches mit Angenehmem verbinden kann.
Konnte ich an diesem verlängerten Wochenende.
Ich war wieder einmal zur Fortbildung in Berlin und zugleich war und ist dort auch heute noch Gallery Weekend.
Berliner Galerien laden zu Rundgängen und Gesprächen ein und zeigen ihre interessanten Künstler.

Und interessant war es wirklich. Ich habe mir am Freitag abend Charlottenburg als „neuen Hotspot der Kunstwelt“ (WELTKUNST Spezial 02/2017) für meinen Rundgang ausgesucht. Charlottenburg war früher nicht so das Kunstviertel Berlins, was sich aber gerade zu ändern scheint. Die Atmosphäre in den sehr verschiedenartigen Galerien war locker, freundlich und sehr offen, auch wenn klar war, dass viele Besucher nichts kaufen würden.

Die Galerien und die ausgestellten Künstler hatten eine große Bandbreite. Das Publikum reichte von hip über jung-freakig bis Middle-Ager. In der ein oder anderen Galerie fand sich auch so eine Art avantgardistischer Berliner Society ein, hatte ich den Eindruck.

20170428_185346_001
Welch  ein Kontrast in der Contemporary Fine Arts Galerie in der Grolmannstraße: Eine Skulptur des Action Künstlers Bjarne Melgaard räkelt sich vor einem Jugendstilofen.
20170428_191243_001
Die  Galerie Grisebach in der Fasanenstraße lohnt einen Besuch schon wegen der gediegenen Räumlichkeiten. Gefallen hat mir hier besonders folgendes Bild: 
20170428_190856_001
Viermal Mona Lisa von Andy Warhol
20170428_192301_001
Künstler und Titel sind mir leider unbekannt, was nichts daran ändert, dass ich das Gemälde einfach cool finde. Gesehen in einer der Galerien am Fasanenplatz.

 

Cut. Klappe.

Hier kommt man selbst mit Fünfunddreißigtausend Euro nicht weit.

Museum Barberini in Potsdam.
Ich bin ein großer Fan von Ortrud Westheider.
Wer ist das denn? , höre ich schon fragende Stimmen.
Frau Westheider war viele Jahre Direktorin des kleinen, aber feinen Museums Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Sie zeigte viele Ausstellungen mit dem gewissen Etwas, mit Pfiff und neuen Ideen.
Dann ging sie nach Potsdam am Anfang des Jahres 2017. Ein großer Verlust für Hamburg und ein großer Gewinn für Potsdam und wahrscheinlich eine große Chance für Frau Westheider, ein neues Museum in einem alten Palais aufbauen und gestalten zu können.

Was ein richtiger Fan ist, er nimmt einiges in Kauf…
Und so besuchte ich das Museum Barberini vergangenen Mittwoch.
Drei Stunden Autofahrt haben sich gelohnt.
Gezeigt werden im Moment eine Ausstellung „Impressionismus. Die Kunst der Landschaft.“ und eine Ausstellung „Klassiker der Moderne“.

Ich bin nicht so ein ausgewiesener Impressionismus-Fan, aber Klassiker der Moderne faszinieren mich sehr. So auch hier.

20170426_173602
Gerhard Richter
20170426_173249_001
Rufino Tamayo. Fenster zum Hof. 
20170426_172036_001
Edvard Munch. Mädchen auf der Brücke. Munch ist für mich ein Meister in der Darstellung von Gefühlen und Stimmungen. Ein ganzer Raum ist ihm im Barberini gewidmet. Für Munch Fans absolut ein Muss. 

Verlässt man das Museum auf der Rückseite des Gebäudes zum Havelufer hin, so überrascht einen zum guten Schluss noch eine überlebensgroße Skulptur des Künstlers Wolfgang Mattheur „Der Jahrhundertschritt“ von 1984.

Diese kann man ja dann bei einem kleinen Gang an der Havel nachwirken lassen.

20170426_183300

 

Madeira. Einzigartiges und Kurioses.

IMG_6159

Einzigartig, ja sogar endemisch, auf Madeira ist diese Pflanze.
Sie heißt „Pride of Madeira“ oder „Stolz von Madeira“. Im Deutschen findet man auch die Bezeichnung „Natternköpfchen“.
Ich habe sie während einer Levada-Wanderung endeckt. Der Blütenstand kann bis zu 1,20 cm hoch werden. Auf dem Foto ist er umgefallen und liegt so halb. Die zarten blau-lila Blüten sind kennzeichnend für die Pflanze, die vor allem im Lorbeerwald auf mittlerer Höhe wächst.

20170313_080329

Einzigartig auf Madeira und in Lissabon und in Portugal ist dieses Törtchen.
Nata heißt es.
Und man kann sich der Köstlichkeit nicht enziehen, auch wenn man, wie ich, sonst gar kein Kuchenfan ist.
Man beißt rein: Knuspriger Blätterteig auf der Zunge. Er verbindet sich mit der weichen und im besten Falle noch leicht warmen Vanillecreme zu einem Gesamterlebnis. Oben auf der Vanillecreme ist eine süße, etwas nach Karamell schmeckende, dünne feste Schicht. Großartig.

Marcel Proust schreibt in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“: „In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich im mir vollzog. Ein unerhöhrtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt.“  – so geht es mir mit einem Nata und einem Espresso 🙂

IMG_6061

Einzigartig auf Madeira und für mich etwas kurios ist die große Verehrung des Fußballers Cristiano Ronaldo.
Er ist auf Madeira geboren und hat hier seine Fußballkarriere begonnen. Momentan spielt er für Real Madrid und in der Nationalmannschaft von Portugal.
Der ganze Stolz der Insulaner gilt ihm:

Es gibt eine Bronzeskulptur mit seinem Abbild am Kreuzfahrthafen von Funchal.
Ein beliebtes Foto- und Selfie-Motiv.
Direkt daneben ist ein Museum ihm zu Ehren, das CR7 Museum.
Und im gleichen Gebäude befindet sich ein Design Hotel mit seinem Namen, das CR7 Hotel.
Und zu guter Letzt soll Anfang April Madeiras Flughafen nach Cristiano Ronaldo umbenannt werden.

Und das für einen Mitte Dreißigjährigen, der noch lebt.

IMG_6062

IMG_5987

Na ja. Wenn es schon eine Pflanze gibt, die „Stolz von Madeira“ heißt, warum soll es nicht auch einen Mann geben, der der „Stolz von Madeira“ ist 😉 ?

Madeira. Drei Tage – drei Highlights

IMG_5878

Donnerstag, 16. März 2017: Mein heutiges Highlight liegt im Altstadtviertel.

Im Altstadtviertel rund um die Rua Santa Maria haben lokale Künstler im Rahmen des Kunstprojekts artE de pORtas abERtas ganz normale Türen künstlerisch und sehr verschieden gestaltet. Das gefällt mir: Kunst im öffentlichen Raum und im Vorbeigehen.

IMG_5947

Freitg, 17. März 2017: Mein heutiges Highlight sind die Kamelien in den Palheiro Gardens.

IMG_6078

Ich liebe Kamelien. Sie sind so zart, haben so wunderschöne Farben. Sie haben so etwas Leichtes und Frühlingshaftes. Ich finde auch das Ballett „Die Kameliendame“ von John Neumeier und die Verdi-Oper „La Traviata“ großartig. Eine anrührende Geschichte von Leben und Tod, voll  Liebe und auch Enttäuschung. Die Kamelien in den Palheiro Gardens stehen in voller Blüte, teils fallen die schönen Blüten aber auch schon verwelkt ab. Das passt irgendwie zu dem Ballet und der Oper.

IMG_6090

Die Palheiro Gardens selber wurden in der heutigen Form 1885 von der britischen Weinhändlerfamilie Blandy im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt.
Sie liegen etwa 9 km östlich von Funchal auf 600 m Höhe. Man kann von Funchal aus bequem in 20 min. mit dem Linienbus hinfahren. Tolle Ausblicke inklusive.

Auch Protea blüht dort momentan ( auch Zuckerbusch genannt ). Aber mein persönliches Highlight sind die Kamelien.

IMG_6127

IMG_6075

Sonnabend, 18. März 2017: Mein heutiges Highlight ist eine Levada-Wanderung durch duftenden Eukalyptuswald.

Heute morgen schüttete es wie aus Eimern, als ich um 9 Uhr losging, um an einer geführten Wanderung durch das Serra D’Agua Tal und mit Blick auf den Encumeada Pass teilzunehmen.

IMG_6165
Ich bin mir sicher, dass ich allein heute meinen inneren Schweinehund nicht hätte besiegen können.
Unsere einheimische Wanderführerin hat später mehrere Leute zurückgeschickt bzw. vom Busfahrer ins Hotel zurückbringen lassen, weil sie keine passenden Schuhe anhatten. Wer wasserdichte Wanderschuhe hatte, war klar im Vorteil. Warum jemand auf so eine Wanderung bei solchem Wetter helle Wildleder-Schuhe anzieht, fragt man sich denn auch ernsthaft.
Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, mitzuwandern, weil wir entlang des Levada-Kanals durch Eukalyptuswald gewandert sind. Er hat wunderbar geduftet. So intensiv duftet es nur, wenn es nass und warm ist.

IMG_6167

Wir sind an dem  Häuschen eines Levadareiros vorbeigekommen. Das ist ein Wasserwärter, könnte man sagen.  Er regelt die Wasserversorgung der Levadas seines Gebiets, ähnlich wie bei einer Schleuse. Und er ist auch für die Wasseraufbereitung zu Trinkwasser zuständig. Levadareiro ist ein angesehener Beruf auf Madeira. Vor der Tür sieht man Eduardo stehen. Er ist schon 30 Jahre lang Levadareiro.

IMG_6164

Zum Ende der Wanderung kam sogar die Sonne nochmal ein bisschen raus.

Mein Highlight des heutigen Tages jedoch bleibt der Duft nach Eukalyptus im Eukalyptuswald.

IMG_6185

Madeira. Wanderung und mehr.

„Madeira ist die Blumeninsel“, sagten einige Freunde von mir, als ich von meiner Reise erzählte.
„Auf Madeira muss man wandern“, sagten andere.

IMG_5891

Das mit der Blumeninsel stimmt auf jeden Fall.
Selbst jetzt im März schon, der eigentlich noch zum madeirischen Winter zählt, blühen Bougainvilla, Mittagsblumen, Ringelblumen, Strelitzien, Begonien, Weihnachtssterne als große Büsche, Hibiscus, Magnolien, Azaleen und Rhododendren.  Und an Wildblumen Mimosen, Mädesüß, Calla, Ginster, Fetthenne.
Bestimmt habe ich etwas vergessen, aber Anspruch auf Vollständigkeit wird ja auch nicht erhoben.

IMG_5916

Das mit dem Wandern stimmt auch auf jeden Fall.
Ich hatte für heute eine Wanderung gebucht. Mit einem lokalen Anbieter und einheimischen Wanderführern. Viereinhalb Stunden sollte sie dauern. Plus Pause.
Hier auf Madeira führen viele Wanderwege entlang von „levadas“, so kleinen Mini-Kanälen, die schon im 15. Jahrhundert angelegt wurden, um Wasser zur Trinkwasserversorgung und zur Felderbewässerung vom regenreichen Norden zum landwirtschaftlich geprägten Süden zu leiten.
Neben diesen Wasserkanälen laufen meist schmale Wege, die heute gern als Wanderwege genutzt werden.
Ich wollte durch Lorbeer- und Eukalyptuswälder am Ribeiro Frio wandern.
Soweit, so geplant. Aber es kam anders, denn getreu nach der Moral von der Geschicht meines letzten Blogbeitrags „Trau dem Wetter nicht!“ war heute Regen in den Bergen, starker Regen und die Wolken hingen so tief, dass man nicht sehr weit gucken konnte. Und das Ganze bei 4 Grad Celsius.
Unsere Wanderführerin hatte zum Glück Plan B und schlug vor, nicht in den regenreichen, auf der Nordseite vom Riberio Frio gelegenen Lorbeerwäldern zu wandern, sondern statt dessen lieber ein anderes Ziel im Südosten Madeiras anzusteuern. Niemand von uns zwölf Wanderern war dagegen.Was bei so einer gemischten Gruppe ja, glaube ich, auch nur bei solchem Schüttregen passiert.

IMG_5996

IMG_6007.JPG
So habe ich eine spannende Gegend im Tal der Mimosen bei Marocos und Machico kennengelernt.
Hier gab es nur Regenschauer und es war 12 Grad Celsius warm.
Mimosenbäume hatte ich auch noch nie gesehen. Sie stehen momentan in voller hellgelber Blüte. Immer entlang der Levada de Marocos gab es außerdem interessante Einblicke in das frührere und momentane landwirtschaftliche Leben auf der Insel. Es ist mühsam. Die kleinen, terrassenförmig in die Berge eingearbeiteten Felder werden von Hand bewirtschaftet und oft ist die nächste Straße so weit weg, dass die Ernteerzeugnisse zu Fuß eine ganze Strecke getragen werden müssen.

Was haben wir wachsen sehen?

Auf den Feldern wächst derzeit Kohl, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Mais, Erbsen, Stangenbohnen, Lupinen, Wein und Zucchini sowie Zuckerrohr.
An den Bäumen wachsen derzeit Papaya, Avocados, Melonenbirnen, Guaven, Bananen, Mispeln.

 

Die Arbeit der Bauern ist so schwer und uneinträglich, dass viele eisern sparen, um ihre Kinder zur  Universität in Funchal oder in Portugal oder in England schicken zu können.
Wer weiß, wie lange noch nach England. Der Brexit kommt überall hin, auch hierher auf Madeira.

Unsere Levadawanderung war 12,5 km lang und leicht zu gehen. Wir haben vier Stunden plus Pause gebraucht und viel Spaß gehabt. Dazu haben auch die Regenponchos beigetragen, die unser netter Busfahrer an diejenigen verliehen hat, die nicht profimäßig ausgerüstet waren. Sie blähen sich im Wind auf wie Segel, Segel mit Kapuze obendran.
Und deshalb haben wir sie ausgezogen, sobald ein Regenschauer vorbei war. Kaum geknüllt in den Rucksack verstaut, gab es den nächsten Schauer…

Und die Moral von dieser Geschicht‘: Madeira ist sehr grün. Wenn’s nicht regnen würde, wär’s ja graubraun!

IMG_6022