Berlin. Eine vorweihnachtliche Erfahrung im Bunker.

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Ich war noch nie in einem Bunker.
„Sei froh!“, würde meine Mutter, die 1929 geboren ist und den Zweiten Weltkrieg als gar nicht mehr so kleines Mädchen miterlebt hat, bestimmt jetzt sagen.
Aus ihrer Sicht verständlich. Bombenhagel auf Hamburg. Unterschlupf im Bunker, Enge, eine Luft dick zum Schneiden und über allem schwebte die Angst, unheilvoll, diffus und doch greifbar.

Welch‘ eine Einleitung!
Berlin-Mitte, Reinhardtstraße. Ein Bunker, den die Berliner heute Boros-Bunker nennen, weil er dem Ehepaar Christian und Karen Boros gehört. Früher hieß er „Reichsbahnbunker Friedrichstraße“ (gebaut 1942 durch Zwangsarbeiter) oder in den 50iger und 60iger Jahren „Bananenbunker“, da hier Bananen und andere Südfrüchte gelagert wurden.
Ich bin wieder mal auf Fortbildung in Berlin und kombiniere dieses Mal mit einer neuen Erfahrung, einer Bunkerführung der besonderen Art. (Die Empfehlung habe ich von einer Berliner Fortbildungskollegin. Vielen Dank dafür!)
Weshalb erzähle ich euch das?
Weil mich die Führung durch den Bunker beeindruckt hat.
Beeindruckend ist das Bauwerk an sich, es ist auch eine Mahnung, eine Aufforderung.Überall auf der Welt alles zu versuchen, um Frieden zu erhalten oder zu schaffen. Jeder noch so kleine Fortschritt auf diplomatischer Ebene ist wertvoll. „Nie wieder Krieg“ ist so ein Satz aus meiner Jugendzeit in den 80igern. Er ist ewig gültig.
Der Boros-Bunker hatte einmal 120 kleine Zimmer, jedes ca. 20 qm groß. Er war ausgelegt für 1200 Menschen. In den 90igern wurden wilde Techno-Partys in den kleinen Räumen gefeiert.
Heute hat der Bunker 90 Zimmer, da Wände und teils auch Zwischendecken herausgebrochen wurden. Heute präsentieren Christian und Karen Boros hier ihre umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst.
Wer sich für zeitgenössische Kunst interessiert, ist hier richtig.
Der sollte eine Führung online buchen und sich einlassen.
Leider ist das Fotographieren der Installationen, Skulpturen, Malerei, Fotographie und Konzeptkunst nicht erlaubt, so dass ihr selbst hingehen solltet. Klare Empfehlung.

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Welche Werke haben mich persönlich besonders beeindruckt?

Alicja Kwade verstärkt das  Brummen von Leuchtstoffröhren mit Mikrofonen  und projiziert den Ton auf gewölbte Stahlplatten. Zunächst einmal habe ich gedacht, es brummt wie eine Neonröhre eben brummt. Und tatsächlich. Der Ton irritiert wegen seiner Lautstärke und seiner scheinbaren Sinnlosigkeit. Zugleich irritiert die Wahrnehmung des Raums und des eigenen Spiegelbildes, da alles gekrümmt und merkwürdig gebogen erscheint. Irgendwie habe ich es ja im Moment mit Wahrnehmung und Wirklichkeit. War ja auch schon neulich in der Surrealismus Ausstellung der Hamburger Kunsthalle so ein Thema.
Eine andere Arbeit der Künstlerin verstärkt das Geräusch des Tickens einer Uhr in einem regelmäßigen und monotonen Ton und lässt somit den Takt der Zeit durch den Bunker schallen. Ein gewölbter Spiegel ohne Zeiger und Ziffern könnte an eine Uhr erinnern, die jeder individuell wahrnimmt, so quasi als subjektive Dimension der Zeit. Coole Idee.

Die Arbeiten von Michael Sailstorfer machen mich richtig nachdenklich: Das Rauschen von Laub eines kopfüber auf dem Boden schleifenden Baumes, angetrieben durch einen Motor. Ist das jetzt die endgültige Dominanz der Maschine über die Natur, die nur noch Getriebene ist?
Das permanente Puffen einer Popcornmaschine, die unaufhörlich Popcorn produziert. Wellen von Popcorn, Berge von Popcorn. Popcorn, solange die Maschine läuft, egal wohin, egal wofür. Die Maschine dominiert auch hier. Und das ganze Stockwerk riecht nach Popcorn.

Teils können Kunstwerke aus mehreren Stockwerken und damit unterschiedlichen Perspektiven angeschaut werden. Deckendurchbrüche und Balkone machen es möglich. Der Bunker ist auf jeden Fall Teil eines Gesamtkunstwerks.

Geht hin. Schaut hin. Hört hin. Riecht. Fühlt. Es lohnt sich.

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Im Eingangsbereich. Stahltür und Telefon aus den 40igern.
20. Dezember 2016 Nachtrag:
Schock!
Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, wird in Berlin ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche verübt. Hätte ich das vorher gehört, so wäre dieser Blogbeitrag nicht erschienen.
Tiefe Trauer, aber auch Wut auf die Attentäter, Hilflosigkeit und viel Mitgefühl für alle Betroffenen und Angehörigen der Getöteten und Verletzten ist in mir.
Ich wünsche uns allen viel Kraft und den Mut, trotzdem unsere Werte und unsere Kultur weiter zu leben.
 
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7 Gedanken zu “Berlin. Eine vorweihnachtliche Erfahrung im Bunker.

    1. Ja. Die Nachricht von dem Anschlag in Berlin trifft mich tief. – Und ich sitze derweil nicht Nachrichten hörend und schreibe unbedarft einen Blogbeitrag.
      Ich bin geschockt und mein tiefes Mitgefühl gilt allen Betroffenen und Angehörigen. Wie grausam, wie menschenverachtend kranke Hirne doch sind.
      Und wie verwundbar unsere freiheitliche Gesellschaft auch ist.
      Die Wut und die Betroffenheit gehen tief.
      Danke für deinen Kommentar.

      Gefällt 1 Person

  1. Stefanie

    Liebe Marianne, der Bunker wurde mir auch schon empfohlen. Stimmt es, dass man sich vorher anmelden muss? Ich brauchte ein paar Tage, um Deinen Beitrag wirklich lesen zu können. Deinen Schrecken bei Veröffentlichung kann ich mir vorstellen. Aber ich finde es gut, dass er da ist – mit der einzig richtigen Botschaft. Danke also und friedliche Weihnachten für Dich und Deine Familie, Stefanie

    Gefällt mir

    1. Liebe Stefanie,
      Ich freue mich sehr über deine Worte. Mir war ganz durcheinander und mulmig.
      Ja. Man muss sich online anmelden. Das funktioniert sehr gut.
      www. sammlung-boros.de
      Im Frühjahr wird die Ausstellung geändert. Dann präsentiert das Ehepaar Boros neue Stücke ihrer umfangreichen Sammlung.
      Ich wünsche dir/ euch friedliche und fröhliche Weihnachten.
      LG Marianne

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