Grindelviertel. Gaumenfreuden und andere Genüsse.

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Wandbild an der Uni Hamburg: Jüdisches Leben im Grindel vor der Nazizeit

Ich habe eine Stadtführung gemacht. In Hamburg, meiner Heimatstadt, in der ich schon seit 50 Jahren wohne. Klingt komisch? War aber wunderbar.
Mit einer Gruppe von sechzehn Leuten sind wir drei Stunden durch  das Grindelviertel spaziert.
Wir haben uns in sieben verschiedenen Restaurants und Cafés mit kulinarischen Happen verwöhnen und überraschen lassen.
Wir haben viel über das Grindelviertel erfahren.
Wir haben gelernt, dass dieses Viertel einmal das jüdische Viertel war, bevor die Juden in der Reichskristallnacht am 9. November 1938 und danach systematisch vertrieben und deportiert wurden.
Nachdem Hamburg die so genannte Torsperre 1861 aufgehoben hatte und Menschen ungehindert jederzeit das nahe gelegene Dammtor passieren konnten, ließen sich viele Juden in diesem Viertel, das vor dem Dammtor gelegen war, nieder. Sie kamen meist aus der beengten Neustadt und bauten sich vor der Stadt nun meist große und repräsentative Häuser. Dieses betraf vor allem die reicheren portugiesischen Juden, die meist im Handel und Finanzwesen tätig waren. Daneben gab es in Hamburg auch die ärmeren hochdeutschen Juden. Beide Gruppen lebten ziemlich für sich, wenn auch beide im Grindelviertel, das es ja eigentlich so als Stadtteil gar nicht gibt. Es setzt sich zusammen aus Eppendorf, Rotherbaum und Harvestehude.

Das Viertel hatte zwei Synagogen, die 1895 gebaute Neue Dammtorsynagoge und die 1904 gebaute große Bornplatzsynagoge. Beide wurden in der Reichskristallnacht 1938 von den Nazis zerstört.

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Gedenktafel für die Neue Dammtorsynagoge an der Westseite des Allendeplatzes auf dem Uni Campus.
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Bodenmosaik, das den Grundriss der Bornplatzsynagoge am heutigen Joseph-Carlebach-Platz nachzeichnet.

Wir sehen reich verzierte Gründerzeithäuser und  Stolpersteine auf dem Bürgersteig, die namentlich anzeigen, dass in einem Haus Juden gewohnt haben. Unten Bornstraße 22.
Die Stolpersteine sind umstritten, da Kritiker sagen, man trete auf diese Weise auf den Namen der von den Nazis ermordeten Juden herum. Befürworter halten dagegen, dass diese messingfarbenen Steine viel mehr auffallen und damit mahnen, als es Erinnerungstafeln an Hauswänden könnten.

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Bornstraße 22

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Wir sehen Reihenhäuser, die als Terrassenhäuser in Innenhöfe gebaut worden sind, um nach der Cholera-Epidemie 1892 Wohnraum für weniger begüterte Menschen zu schaffen. Heute sind die Terrassenhäuser begehrte Wohnhäuser eines (leider) gentrifizierten Stadtteils, den sich weniger Begüterte schon längst nicht mehr leisten können.

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Terrassenhäuser Bornstraße mit ehemals 30 qm großen Wohnungen für sechs- und mehrköpfige Familien. Später wurden oft Wohnungen zusammengelegt.

Unserer Tourguide erzählt uns, dass die Universität Hamburg erst 1919 unter Bürgermeister Von Melle gegründet wurde, da bis dahin die stolzen Kaufleute verhindert haben, dass es eine Uni gab. Die Kaufmannssöhne sollten die Geschäfte weiterführen und Kaufleute werden, nicht etwa Akademiker und Intellektuelle. Heute hat die Uni über 40.000 Studenten und diese Denkweise scheint weit weg. Dabei ist es erst rund 100 Jahre her.

Da Lernen und Spazieren und Sehen immer wieder hungrig machen, essen wir in den Restaurants und Cafés der Tour immer mal wieder einen Happen:

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In Valentinas Back Salon backen Senior/innen nach ihren alten Rezepten köstliche Kuchen und Torten, freuen sich, wenn’s schmeckt, und geben so ihre überlieferten Rezepte weiter. Oben: Ein himmlischer  Kirschkuchen mit Boden aus Schokolade und Haselnüssen. Man gönnt sich ja sonst nichts…

Solche Touren gibt es in mehreren Städten weltweit. Das war bestimmt nicht meine letzte.
http://www.eat-the-world.com (normalerweise mache ich keine Werbung in meinem Blog, aber hier muss ich mal eine Ausnahme machen).

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