Brexit. Ganz persönlich.

 

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Huthwaite bei Mansfield,  25. Juni 2016, 11 Uhr:

Ein kleines grau verputztes Doppelhaus mit den typischen englischen Schiebefenstern mit Einfachverglasung. Ein kleiner Garten, eine Glashaustür, keine Klingel, kein Namensschild an der Tür, wir klopfen. Drinnen bellen mehrere Hunde durcheinander. Sie haben das Klopfen auf jeden Fall gehört. Die Haustür geht auf. Und in der Tür steht unsere sechzehnjährige Tochter. Umarmungen, strahlende Gesichter, Wiedersehen nach einem knappen Jahr.

Mein ganz persönlicher Brexit: Ich bin mit  meinem Mann zusammen nach England gekommen, um unsere Tochter nach ihrem Auslandsschuljahr auf einer öffentlichen Schule und in einer Gastfamilie abzuholen.
Tausche Sabbatical, tausche Freiheit gegen Tochter. Ja!

Soweit zu unserem Familien-Brexit.
Es gibt aber dieser Tage auch noch den politischen Brexit.
Und der ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen…
Er spaltet die Menschen hier.

Mansfield, 25. Juni 2015, 14 Uhr:

Frankie’s and Benny’s, ein Restaurant in Mansfield.

Apropos Mansfield? Wo ist das denn eigentlich?
Mansfield ist eine Kleinstadt in Mittelengland. Es ist eine „socially deprived area“ (so genannt in den Geography Lessons meiner Tochter an der Brunts Academy, Mansfield) oder ein „shithole“ (so genannt von englischen Freundinnen meiner Tochter).

Eine etwa 30jährige Frau, die mit Mann und zwei kleinen Kindern am Nebentisch des Restaurants sitzt, beugt sich irgendwann rüber und sagt: „Are you German?“ „Yes“, antworten wir und denken, jetzt kommen die üblichen Fragen nach der Stadt, wo wir herkommen, dem Grund des Besuchs und vielleicht Tipps für Unternehmungen.
Aber nein, über uns ergießt sich ein Wortschwall zum Thema Brexit. Einen Tag zuvor hatten die Briten mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt.
„I am over the moon about it“, sagt sie. Und „Britain first“ und „This is democracy. We get back our sovereignity“ und vieles in der Art mehr. Sie gestikuliert wild mit ihren Händen in der Luft, sie reißt die Augen auf, sie unterstreicht ihre Worte nachdrücklich im Tonfall. Unsere Gegenargumente benutzt sie sofort für eine weitere Argumentation für den Austritt. Jeder britische Student muss 9000 Pfund für die Uni zahlen und sie will keine ausländischen Erasmus-Studenten mehr sehen, die angeblich umsonst studieren können (Können sie nicht, da die EU ja für Erasmus zahlt…). Am Ende sagt sie, all das sei nicht gegen uns persönlich gerichtet.

Nottingham, 26. Juni 2016:

Meine Tochter bekommt folgende Whatsapp-Nachricht von einer ihrer englischen Schulfreundinnen: “ By the way, I feel I should apologize in behalf of England because we’re all twats after Brexit.“

Ein Museumsführer im Castle of Nottingham fragt, ob wir aus Deutschland kommen und sagt dann mit leiser Stimme „Did you hear about the Leave Vote? I am ashamed. I am absolutely ashamed.“

Diese Entscheidung lässt die Menschen nicht kalt. Jeder hat eine ganz persönliche Meinung, für die er steht und die er auch mitteilen möchte, haben wir den Eindruck.

Keswick, Lake District, 27. Juni 2016:

Die Vermieterin unseres Cottages hier im Lake District händigt uns bei Anreise den Schlüssel aus, erklärt uns die Heizung und die Waschmaschine, die Mülltrennung (!) und zeigt uns das Haus. Dann sagt sie unvermittelt: “ I am devastated about the vote“ und „this is a decision of the old generation“.

In den englischen Fernsehnachrichten wird deutlich, welch Chaos, nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch im Land zwischen den Parteien und innerhalb der Parteien entstanden ist. Genauso wie zwischen den Menschen.

Es bleibt spannend, wie es weitergehen wird.
Und bei uns im Kleinen bleibt es auch spannend. Wie werden wir uns verstehen nach einem Jahr getrennten Lebens, nach neuen Erfahrungen, nach einer persönlichen Weiterentwicklung durch Auslandsschuljahr bzw. Sabbatical? Gibt es den von einigen prognostizierten „reverse culture shock“?

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Old Market Square, Nottingham

 

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Mirehouse, bei Keswick, Lake District

 

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Die Liebe in England, zu England und überhaupt geht durch den Magen – Scones mit Clotted Cream und Strawberry Jam

 

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4 Gedanken zu “Brexit. Ganz persönlich.

  1. Stefanie

    Keswick, liebe Marianne, oh, wie schön. Wir waren vergangenen März dort und sind komplett hingerissen vom Lake District. Unsere Highlights um Keswick waren die Wanderung auf den Cat Bells und zur Honniser Slate Mine. Aber auch Wrynose- und Hardknott-Pass. (Da weiß ich allerdings nicht, ob ich mich im trubeligen Sommer trauen würde. Mein Herzschlag setzte direkt aus, wenn uns mal ein Auto entgegen kam. Und das passiert jetzt sicher alle naselang?!)

    Übrigens kommt Volkos Patentochter auch demnächst vom Auslandsjahr in England zurück (äußerst ungern allerdings). Wobei wir ja nur die Freude haben werden, dass sie wieder da ist. Als Mutter muss man sich ja mit demokratischen Entscheidungen herumschlagen 🙂 Viel Spaß dabei, Stefanie

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    1. Liebe Stefanie,
      vielen Dank für deinen netten und informativen Kommentar.
      Cat Bells wollen wir auf jeden Fall noch machen. Danke auch für die anderen Tipps, wir sind ja noch ein paar Tage hier und können uns einiges vornehmen.
      Autofahren auf den heckengesäumten einspurigen Straßen und dann auch noch links ist eine Herausforderung, die ich nicht haben muss. Macht mein Mann.
      Ich finde so ein Auslandsschuljahr super für alle Jugendlichen, die sich trauen. Und ich finde Veränderung und Weiterentwicklung auch immer grundsätzlich mal positiv.
      Cheers, Marianne

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  2. kasia

    Liebe Marianne, mir gefällt Deine Art, die Dinge zu beschreiben. Du malst mit Worten Bilder und lässt so den Leser in Deine Welt eintauchen. Ich freue mich schon auf Neues von Dir 😊

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