Sydney. Aborigine-Walk und modernes Leben

Ich wollte mit dieser Reise ja nicht nur Urlaub machen, sondern ich wollte neue Erfahrungen machen mit anderen Menschen, mit anderen Lebensweisen, mit einer anderen Art, Dinge zu sehen. Ich wollte daraus Impulse und Bereicherungen für mich und mein Leben ziehen.

Schon durch den langen, dreiwöchigen Aufenhalt hier in Sydney, das AirBnB-Appartment statt Hotel, die Aktivitäten, die ich mit Sydneysidern zusammen  gemacht habe, habe ich viel Neues erfahren und gelernt. Aber definitiv die spirituellste Erfahrung und die tiefgehendste Erfahrung war eine sechsstündige Wanderung mit einem Aborigine, Evan, durch das Gebiet seines Clans in den Blue Mountains.

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Evan am Fuße eines Wasserfalls im Regenwaldgebiet des Trails, den wir gewandert sind.
http://www.bluemountainswalkabout.com

Evan bietet die Wanderung für Individualreisende wie mich oder Gruppen an, wobei seine Wandergruppe an einem Tag immer nur max. 10 Personen umfasst. An dem Tag, an dem ich mich angemeldet hatte, war ich bei 33 Grad die einzige. So genoss ich eine Privatführung.
Evan erzählte mir viel über das traditionelle Leben seines Clans, das ja dann mit Ankunft der Engländer im späten 18. Jahrhundert ausgelöscht wurde. Erstens durch Gefangennahme, aber vor allem durch von den Engländern eingeschleppte tödliche Krankheiten.
Sein Clan, die Darug, lebten sehr im Einklang mit der Natur, mit den Tageszeiten, der Mondphase, den Jahreszeiten, nutzte Nahrungsquellen wie Beeren, Früchte, Pflanzen, Nüsse, Eier, Vögel, Fische, Wallabes und Rinder. Vor allem aber spielte die Spiritualität, die sogenannte Dreamtime, eine große Rolle. Es würde jetzt hier zu weit führen, die Dreamtime zu erklären, aber es steckt eine Menge Weisheit dahinter wie Achtsamkeit der Natur, anderen Lebewesen und sich selbst gegenüber, Akzeptieren des Lebens mit seinen Phasen, seinen Hochs und Tiefs, Akzeptieren der eigenen Gefühle, alles Leben unterliegt einem Kreislauf aus Entstehen, Dasein, Zugrundegehen und nur so wird Neues möglich. Achte auf deine Sinneswahrnehmung und deine Gefühle, betone nicht so sehr das Denken.

Wir laufen auf einem schmalen Pfad in den Blue Mountains. Meine Füße haben in Wanderschuhen festen Halt. Die Darug jedoch wanderten immer barfuß, um die Erde zu spüren. Wir reden über das Leben. Wir sitzen in Felshöhlen. Ich fühle mich beschützt und behütet. Wir laufen durch Buschland und Regenwald. Zweige fahren über Gesicht, Arme und Beine. Wir fühlen Blätter von Büschen zwischen den Fingern an. Einige sind hart und stechend, andere fühlen sich weich an. An Eukalyptusbäumen tritt an der Rinde des Red Gum eine rötliche Flüssigkeit aus. Sie klebt etwas und  ist geelartig. Sie soll Wunden heilen, wenn man sie aufträgt. Wir riechen den Duft zerriebener Blätter. Am besten gefällt mir ein zitroniger Geruch und der Eukalyptusgeruch der Blätter, die leicht zerreiben und in meine Nasenlöcher gesteckt habe. Wir hören verschiedene Vögel singen. Der Kookaburra lacht eher, als dass er singt, in etwa so wie er heißt. Der Leierschwanzvogel kann wie ein gespanntes und zurückschnellendes Gummiband machen. Ein Papagei kreischt schrill. Wir sehen am Stamm der hohen Eukalyptusbäume hoch in den blauen Himmel. Mir wird dabei etwas schwindelig.  Am Boden raschelt es leicht. Eine Eidechse huscht ins Unterholz. Wir essen eine säuerliche rote Beere.

Ich komme mit der Regenwaldwanderung sehr nah an meine körperlichen Grenzen. Im Flussbett glitsche ich auf nassen Felsen aus, bei Höhenunterschieden muss ich mich auf meinen Popo herablassen. Ich habe Höhenangst. Evan zeigt mir Wege, hilft mir aber nicht. Ich soll es alleine schaffen. Am Ende ernte ich ein anerkennendes „Well-done“ von Evan und auch von mir selbst. Ich bin mal ganz im Hier und Jetzt, kann gar nicht zu viel denken, ob all der anderen Dinge, die ich höre, sehe,.., tue, beachte.
Da wir modernen Menschen ja nicht alle Busch- und Regenwald-Walkabouts machen können, um uns mit der Natur zu verbinden und gesund zu bleiben, besprechen wir auch Möglichkeiten, Erfahrungen mitzunehmen und zu übertragen ins moderne Leben.

Ich nehme mir vor, mich durch Fühlen, Gehen, Hören und Schmecken der Natur öfter zu erden. Ich nehme mir vor, öfter zu fühlen und zu beobachten als zu denken.

Beeindruckend und inspirierend war es auf jeden Fall mit Evan.

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Papagei bei Blue Mountains Walkabout
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Lyrebird, deutsch Leierschwanzvogel
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Sandsteinhöhle/ Aborigine Walkabout

 

Ja, und dann zurück nach Sydney ins moderne Leben. In 1,5 Stunden Eisenbahnfahrt.

Welch ein Kontrast.

Das Sydney der Kolonialzeit:

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Koloniale Architektur in der Oxford Street, Darlinghurst
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Viktorianisch und modern Glas und Stahl, anything goes
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Hochhäuser in The Rocks, vorn der Fährhafen Circular Quay

 

Und ich verbinde mich am nächsten Tag im Hier und Jetzt mit Mutter Erde, lege mich flach an einen schönen Strand, Queens Beach, höre den Wellen, den Zikaden und den Vögeln zu, spüre den Schatten des Baums, unter dem ich glücklicherweise bei den heutigen 41 Grad liege…

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Annehmlichkeiten des heutigen Lebens

 

Mit diesem Blogbeitrag nehme ich an einer Blogparade „Slow Travel – Wider den To-do-Listen!“ teil.
Ich mag langsames Reisen, sich treiben lassen, sehen, was kommt. Ich habe nie eine To-do-Liste auf Reisen. Gerade wenn ich alleine unterwegs bin, schaue ich öfter auf den Stadtplan oder verlaufe mich. Daraus haben sich schon supernette Gespräche ergeben und ich habe Dinge gesehen, die ich sonst nie kennengelernt hätte.
Veranstaltet wird diese Blogparade von einem Blog, den ich sehr gerne lese: 1Thingtodo.de.
Folgst du diesem Link, so kommst du zur Blogparade von 1Thingtodo. Viel Spaß.

 

 

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2 Gedanken zu “Sydney. Aborigine-Walk und modernes Leben

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